Heinrich Schütz Ensemble München

Monteverdi Orchester München

 

Nachdem es nichts "Neues" von uns gibt -wir haben uns ja 2007 verabschiedet, hier nur ein Kurzporträt und wichtig: ein Link zu den Tonbeispielen, die laufend ergänzt werden sollen

 

Nur keine Routine!

Erfahrungen auf einem
manchmal steinigen Weg -
30 Jahre Alte Musik in München

 

Erfahrungsbericht aus dem Jahr 1998 - erschienen im Programmheft zu Haydns "Schöpfung" - hier aktualisiert.

Am Anfang standen vier Konzerte mit allen Motetten der Geistlichen Chormusik von Heinrich Schütz in den Jahren 1977/78, für München damals ein Novum, denn mit Schütz beschäftigten sich die etablierten Chöre nur sporadisch und peripher.

1998, zwanzig Jahre später, wagten wir uns zum ersten Male an das große klassische Oratorium. Was dazwischen lag, waren Jahre der fortwährenden Suche nach dem richtigen Tonfall für die Musik, dem organischen Miteinander von Klang und Deklamation. Der Verfasser weiß: diese wird nie enden.
 Als im Juli 1983 der Chor zum ersten Male mit dem Monteverdi Orchester zusammen die Messe h-moll von Bach aufführte, war klar, dass zum Heinrich Schütz Ensemble die historischen Instrumente gehören. In der Zeit dieses Aufbruchs war es speziell in „der Bachstadt“ München eine Provokation, wenn nun „Müslimusiker“ sich an die großen Werke wagten. Viel Ideologie war - auch bei uns - im Spiel. Ein wütender Verriss einer Aufführung mit der Messe h-moll in einer großen Münchner Tageszeitung 1987 war mit der Höhepunkt dieses „Kampfes“, der nun vorbei zu sein scheint. Inzwischen (1998!) hat die historische Aufführungspraxis ihr anarchisches Image weitgehend verloren, „Historiker“ haben viel ideologischen Ballast abgeworfen und - das Wichtigste -  der Hörer hat sich dank vieler Platteneinspielungen an das Klangbild der historischen Instrumente gewöhnt. „Alte Musik“ hat im Konzertbetrieb inzwischen ihren Platz, ihr spezielles Publikum, der etablierte Musikbetrieb hat nicht allzu sehr unter dem „Angriff“ gelitten.

Unter der Voraussetzung, dass Musik - anders als Literatur - nur mit Wissen um den „historischen Ort“ adäquat aufführbar ist, dass die einseitig-retrospektive Betrachtung von historischer Musik beim Musiker fast zwangsläufig zu falschem Verständnis führen muss, ist für mich die Entscheidung für einen Vorwärtsgang auf der Zeitachse selbstverständlich. Das bedeutet: Nach Schütz und Monteverdi ist Bach etwas Neues, Haydn nach Bach Avantgarde. Mit diesem Bewusstsein fällt viel Überheblichkeit ab, das Neue gilt als Wagnis, eventuell aufkeimende Routine wird unmöglich.

Die „Alte-Musik-Bewegung“ hatte zu Beginn - neben der erwähnten Ideologielastigkeit -  eine erfrischende Vitalität, Freude am Neuen und im doppelten Wortsinne „Unerhörten“. Mit dem Grundgedanken des „unentfremdeten“ Musizierens, des Engagements jedes einzelnen Musikers, war die speziell für Barockmusik so tödliche Routine ausgeschlossen. Was ihr genüsslich angekreidet wurde, bezog sich auf die „unzuverlässigen“ Instrumente. Dieser Vorwurf trifft heute kaum mehr zu, eher besteht die Gefahr, dass mit der Perfektionierung die Tendenz zur Routine wächst. Ich hoffe, es wird in Zukunft immer möglich sein, die perfekte Beherrschung des Instrumentariums mit dem Engagement und der Vitalität der „frühen Jahre“ zu verbinden.

Der Name Heinrich Schütz Ensemble München wurde nicht zufällig gewählt, sondern er sollte Programm sein. Deshalb bleibt der Rahmen der zwei Jahrhunderte von 1600 bis 1800 für unser Repertoire, von kleinen „Ausbrüchen“ in frühere oder spätere Epochen abgesehen, abgesteckt. Zwei Schwerpunkte will ich beleuchten: Gerade die frühbarocke Musik mit ihren Protagonisten Heinrich Schütz und Claudio Monteverdi mit ihrer ausgeprägten Rhetorik und Affekten bot immer die ideale Grundlage für den „Stil“ des Chores. Mit der Verbindung von Klang und Wort, ihrer Ausdrucksstärke zwingt sie den Interpreten (vokalen wie instrumentalen) zum intensiven Nachsinnen über grundlegende deklamatorische Prinzipien, die auch mehr instrumental konzipierte Musik aus späteren Zeiten fordert.

Dass Bachs Kantaten zwischenzeitlich zum dominierenden Element unserer musikalischen Arbeit wurden, lag in erster Linie an meiner Abneigung gegen routiniertes Abspulen der üblichen Oratorienliteratur. Jede Kantate Bachs bietet in sich - trotz eines standardisierten formalen Rahmens - eine neue Herausforderung an die Interpreten. Mit den etwa 80 Kantaten, die in den zehn Zyklen der Reihe „Bach Kantate Aktuell“ von 1991 bis 2000 erklungen sind, konnten wir über ein Drittel des gesamten Oeuvres aufführen. Ich wollte aber hier keinen „Vollständigkeitsanspuch“ anmelden, der zwangsläufig - aus Überforderung - wieder zur Routine geführt hätte. (Zitat Ende)

Der Inhalt dieses Artikels hat für mich nichts an Aktualität verloren. Ich weiß aber andererseits, dass sich inzwischen Einiges im Musikbetrieb geändert hat. Die „Alte Musik" hat ihre Innovationskraft und ihren Exotenstatus verloren ist zur Normalität geworden, fast ein wenig langweilig, manchmal ganz schön routiniert, möchte ich sagen. So bin ich dankbar, in den Jahren des Aufbruchs dabei gewesen zu sein und genieße meinen inzwischen fast zehnjährigen Beobachtungsstatus, denn wie gesagt, „nur keine Routine!“

Was bleibt, sind die Aufnahmen unserer Konzerte und Produktionen (manche Aufnahme hört man ja noch sonntags um 8 Uhr), aus denen ich nun diese Webseite ergänzt habe. Ich denke, die Sammlung wird in nächster Zeit noch vergrößert werden.

Zum Abschluss Dank:
- allen Mitwirkenden, voran den vielen Gesangssolisten, dazu den unzähligen Instrumentalisten in den gesamten 25 Jahren von 1982 bis 2007;
- den ungezählten Chormitgliedern, die über die 30 Jahre mitsangen, den vielen Helfern, die mir in dieser Zeit organisatorisch und moralisch, auch in schwierigen Phasen zur Seite standen.
- den vielen Mäzenen, die unsere Pionierarbeit in Sachen „Alte Musik“ mit großen und mit kleinen Beträgen unterstützt hatten.
                                                                                          

Wolfgang Kelber